Ein Blick – Andere Geschichten

Interkultur & Kunst

Ein Blick – andere Geschichten

Am 18.11.2019 um 19:00 Uhr im Café Eden Düsseldorf, Münsterstrasse 446. Eine Arbeit von projekt-il, inspiriert von der Wanderausstellung “Facettenreich – Andere Geschichten” der Szenographin Sonja Koch.

Dieses Projekt wurde gefördert vom NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste.

Künstlerische Leitung: Alexander Steindorf

“Ein Blick – andere Geschichten“ widmet sich Phantasien und Realitäten, die ein “Blick“ in jedem von uns auslösen oder zeigen kann und ist eine poetische Momentaufnahme über die Aussichten und Bewegungen in unserer Gegenwart. Musiker*innen, Tänzer*innen, Schauspieler*innen sowie Bürger*innen der Stadt Düsseldorf aus Syrien, Deutschland, Ägypten und der Türkei präsentieren in vielfältiger Form ihre Annahmen über alles, was ein Blick in unsere Stadt, in diesem Land und in unsere Zeit sichtbar macht. Alltägliche Träumereien begegnen sowohl politischen Haltungen und poetischen Einsichten als auch den Blicken der bildenden Künstlerin Sonja Koch, welche diese in ihren mobilen Ausstellung “Andere Geschichten“ auf die Schicksale geflüchteter Menschen in unserer Gesellschaft wirft.

Der Abend bietet in der Form einer Führung innerhalb des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf überraschende sprachliche sowie visuelle Blickrichtungen, die man vom Hier und Jetzt aus gesehen haben kann. So wird alltäglicher “Einblick“, ein philosophischer “Durchblick“, ein poetischer “Anblick“, ein musiklascher “Rückblick“ oder ein tänzerischer “Augenblick“ zur Erinnerung, zum Wimpernschlag, zur Erkenntnis oder zur Perspektive in unserer Zeit und damit zu einem vielfarbigen Gefäß unserer Gegenwart.

Mit Amy Frega (Gesang), Michael Hess (Tanz), Jakob Wagner (Gitarre), Alexander Steindorf (Einrichtung und Sprecher) sowie Rami Lazkani (Sprecher und interkultureller Guide) sowie als Gast: Muzzafer Gürenc (Gesang und Baglama) und Hanny Kayali (Performer).

Facettenreich – Andere Geschichten – Wanderausstellung zum Thema Diskriminierung in Düsseldorf

Die Wanderausstellung «Facettenreich – andere Geschichten» leistet einen Beitrag zur Sensibilisierung in der Rassismus- und Diskriminationsthematik und fördert

die Auseinandersetzung mit dem Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen.

Zehn zylinderförmige Guckkästen zeigen farbenfrohe Bildgeschichten. Sie bieten Einblick in individuelle und doch exemplarische

Diskriminierungserfahrungen unterschiedlicher Menschen. Konzept, Entwicklung und Umsetzung der Ausstellung stammen von der Szenografin Sonja Koch.

Eine Kooperation von projekt-il und Facettenreich – Andere Geschichten

Performance am 15.07.2019 / 16:00 Uhr auf dem Campus Derendorf, Münsterstr.156, Düsseldorf

Recherche / Performance am 18.07.2019 ab 11:00 Uhr, auf dem Campus Derendorf, Münsterstr.156, Düsseldorf

Performance am 15.07.2019 / 17:00 Uhr auf dem Campus Derendorf, Münsterstr.156, Düsseldorf

www.facettenreich.world

Szenische Aufführung “Ein Blick – Andere Geschichten” im Café Eden, Münsterstr. 446, Düsseldorf

 

Textbeispiel “Ein Blick-Andere Geschichten”

Die alte Frau aus Dresden (Rami Lazkani)

Ich habe mal eine Frau kennen gelernt, die hatte keine Wahl. Es war in meinem zweiten Jahr in Deutschland. Ich bin mit dem Zug nach Hamburg gefahren. Eine Frau fragte mich, ob der Platz neben mir noch frei ist. Sie war sehr alt und redete viel. (Es war … und redete viel – wiederholen auf Arabisch). Als wir den Bahnhof in Hannover verließen, erzählte sie mir, wie sie schon einmal von Dresden nach Hamburg gefahren ist. Mit ihrem Baby, was gerade ein paar Tage alt war. In einem sehr kalten Winter 1945. Die alte Frau erzählte, dass der ganze Bahnhof in Dresden voller Menschen war, die fliehen wollten. Sie saß im Bahnhof in Dresden und gab ihrem Baby die Brust. Es war kalt. Eine andere Frau ohne Mütze und Schal fragte, ob sie ihrem Kind auch die Brust geben würde. Es hätte zwei Tage nicht gegessen. Die Frau überlegte. Ein Gedanke, noch ein Gedanke, noch ein anderer Gedanke, Gedanken, Gedanken, Gedanken. Und dann sagte sie: „Nein. Ich kann nicht! Es tut mir leid, aber ich habe nur genug Milch für mein Kind.“ Als sie später in Hamburg ankam, sah sie die Frau ohne Mütze und Schal mit ihrem toten Kind auf dem Arm. ( Als sie … –wiederholen auf arabisch)

 

Es gibt Augenblicke (Sulaiman Sohrab Salem) Vortrag Hanny Kayali

Es gibt Augenblicke,

da denke ich,

die Erde dreht sich,

Menschen tanzen, heiraten, leben.

Es gibt Augenblicke,

da denke ich,

die Menschen gehen im Kreis,

schreien sich an und töten sich gegenseitig. 

Wir hatten ein ruhiges Leben,

bis wir attackiert wurden.

Wir haben unsere Häuser verlassen

ohne Sachen, wir haben nichts mitgenommen.

Es gab wenig Geld. Nichts.

Wir wussten nicht was wir essen sollten,

einmal haben wir einen Fernseher verkauft,

um eine Flasche Öl zu kaufen.

Dann kam das nächste Regime,

es gab keinen Krieg mehr aber das furchtbare Leben hatte begonnen.

Keine Kultur, keine Kunst, keine Schule,

Keine Raketen aber Strafen und hundert andere Probleme.

Dann kamen die Selbstmordanschläge,

die Menschen sind dadurch wild und unruhig geworden.

Warum das alles? Wir waren unschuldig.

Nicht für oder gegen eine Partei – einfach nur Menschen.

Und doch wird es immer ein Leben geben,

in diesen Orten,

die Menschen werden einkaufen,

sie werden ins Kino gehen, ins Theater, heiraten.

Der Krieg ist Unsinn.

Er bringt sehr viel Angst.

Angst, jemanden zu verlieren.

Angst vor der Zukunft.

Einige von euch haben auch Angst vor Krieg,

dass eure Kultur Kratzer kriegt,

dass ihr fremde Sprachen lernen müsst

Ihr habt Angst den Überblick zu verlieren,

dass eine neue Kultur in Eure Familien kommt,

dass alles unsicher ist.

Ein bisschen Angst ist wichtig im Leben, um weiterzuleben.

Aber wenn die Angst zu viel wird, ruiniert sie das Leben.

ALLE Menschen haben Angst, ihre Sicherheit zu verlieren

und ALLE Menschen haben Angst um ihre Freiheit.

Und dass ist das Problem, sie müssen auf beide aufpassen,

geht eins von beiden kaputt,

geht alles Leben kaputt.

 

aus “Schizophrenie*” (Ghayath Almadhoun) / Alexander/ Rami (Bühne):

… Der Weg nach Damaskus ist voller Erinnerungen. Ich bin erschöpft, seit das Flüchtlingslager mich mit der Trockenmilch der Vereinten Nationen stillte und mir ein Flüchtlingsleben aufbürdete. Der Weg nach Damaskus, das ich im Jahr 2008 verließ, reizt mich nicht mehr. Nachdem ich von der Freiheit gekostet habe, kann ich mich nicht mehr hinter der Metapher verstecken, um mich vor den Spitzeln zu retten.
Der Weg nach Ypern ist mit Leichen asphaltiert, und ich bin erschöpft, seit mich meine Cousins ermordeten und mich den Vögeln zum Fraß überließen.
Der Weg nach Stockholm ist wegen erhöhten Schneeaufkommens geschlossen.
Der Weg in den Krieg ist ruhig. Es gibt eine kleine Raststätte, an der jene absteigen, die auf dem Weg zum Massaker sind. Sie ruhen sich ein wenig aus, versorgen sich mit Wasser, trinken Tee und sprechen über die Gründe des systematischen Todes. Am nächsten Morgen setzen sie ihren Weg fort, um mithilfe von Patronenkugeln zu diskutieren, und ich bleibe zwischen den Widersprüchen hängen, ich, der Zeuge, der zu spät kam, und der Tote, der nicht ankam, der Mörder und der Getötete, der Verbrecher und das Opfer. Ich, der rote Indianer, der blaue Indianer, der grüne Indianer. Der schwarze Palästinenser. Dieser Krieg braucht ein Gedicht, damit die Metapher nicht tot geboren wird, damit der Tod nicht schwer wiegt wie eine Kanone aus Bronze, die auf der Geschichte lastet. Der Tod kann mir keine Heimat schenken, und wenn er es täte, so wollte ich sie nicht. Ypern war ein Albtraum, der vor hundert Jahren ein Ende fand, und Damaskus ist ein Albtraum, der jetzt stattfindet, und ich hänge in Stockholm fest. Die Gedichte, die ich in Damaskus schrieb, wurden von den Soldaten ermordet, und die Gedichte, die ich in Ypern geschrieben habe, sind nicht mit mir ins Flugzeug gestiegen, und die Gedichte, die mit mir in Stockholm wohnen, leiden unter einem gehörigen Mangel an Vitamin D.
Ypern: Der Krieg ist hinter der Tür.
Damaskus: Um drei Uhr morgens fallen Raketen mit Saringas auf einige dicht bevölkerte Vororte von Damaskus.

 

Endlich vorwärts (Ulrich Steinhaus)

Schaut nicht zurück!

Schaut nie zurück!

Blickt nach vorn

und dreht euch nicht um!

So sprach unsere Mutter.

Sie hatte Angst,

zur Salzsäule zu erstarren.

Der Vater schwieg.

Meine Mutter zwang uns,

immer vorwärts zu gehen,

weg von dem Meer des Schmerzes,

dem unfassbaren Entsetzen.

Und wir gingen,

Schritt um Schritt,

gleichgültig wie Maschinen.

Wir haben es nicht verstanden.

Meine Mutter sah nie zurück, nie,

und wurde hart,

so wurde sie zu einer Salzsäule,

die neben uns im Regen verging.

Und der Vater schwieg.

Er hatte seine Sprache verloren,

stand für immer im Treibsand

und versuchte nur noch das Gleichgewicht zu halten.

Eine erstarrte vergehende Frau,

und ein stummer schwankender Mann.

Sie wollte das Unbeschreibliche nicht sehen

und er taumelte schweigend neben ihr her.

Und wir?

Wir gingen vorwärts,

wie die Mutter es wollte,

lustlos, müde und verschlossen.

Wir empfanden nichts,

wussten nicht wer wir waren,

was wir wollten,

gestrandete ohne Anker.

Also beschlossen wir zurück zu blicken,

sahen das Unfassbare, das Unbeschreibliche,

strauchelten, schwankten

und traten in eine Welt aus Leid und Hass.

Eine kalte Leere griff nach uns,

riss an unseren Seelen,

fraß fasst alle Träume auf,

und nahm von einigen die Herzen mit.  

Verwirrt stolperten wir umher

und weit, weit dort hinten,

standen die Eltern,

schweigsam und ruhig.

Und wir konnten es verstehen,

langsam zu ihnen gehen,

mit ihnen sprechen

und ihnen in die Augen sehen.

Wir wussten jetzt woher wir kamen

und konnten, wenn wir wollten,

gemeinsam ein Stück gehen

oder schweigend irgendwo sitzen.

Wir hatten wieder ein zu Hause.

Wir hatten uns

und das, was wir sehen mussten.

Wir konnten endlich vorwärts gehen.